22.09.2020

Brücken bauen

In diesem Jahr haben die Freundeskreise das „Brücken bauen“ zum Jahresthema gemacht. Es ist das große Potential unzähliger Freundschaften, neue Brücken zu und mit Menschen zu bauen, die marode Wege der Vergangenheit verlassen und neue Lebensinhalte suchen wollen: Ohne Suchtmittel und ohne die alten Cliquen, in denen Bierflaschen und Joints das Klima bestimmen. Woche für Woche bauen die Freundeskreisler Brücken der Unterstützung, der Ermutigung, der Orientierung auf dem Weg in ein suchtmittelfreies Leben. 

Die Freundeskreise sind Brücke ins Leben und Trainingslager fürs Leben. Sie bieten großzügige Schutzräume des Ausprobierens, Lernens und der Korrektive, sie fördern Persönlichkeitsentwicklung und sind ein Gewinn für alle privaten und beruflichen Lebensbereiche.

Brücken bauen war schon immer Vision, Begabung und Auftrag der Freundeskreise, sozusagen Dauerauftrag: Freundeskreisler sind Brückenbauer und Netzwerker.

  • Brücken von mir zu mir: Für viele begann der Brückenbau in der Therapie, indem sie lernten, sich selbst wahrzunehmen, zu spüren, ernst zu nehmen und gut mit sich umzugehen.
  • Brücken zwischen Partnern und von Eltern zu Kindern, damit das gemeinsame Leben erfüllt und fruchtbar werden kann.
  • Brücken von uns zu anderen: Wer in den Freundeskreis kommt, knüpft neue Freundschaften und wird vom Solisten zum Mitspieler in einem Orchester der Vielfalt.
  • Brücken zu hilfesuchenden Menschen: Viele Freundeskreisler, die Hilfe in großer Not erfahren haben, möchten diese Hilfe weitergeben. Darum bauen sie Brücken zu Beratungsstellen und Suchtkliniken, damit Betroffene neue Entwicklungs- und Entfaltungsräume gewinnen. Und sie laden Betroffene in die Selbsthilfegruppen ein, um gemeinsam weiterzubauen an diesem neuen Leben.

Freundeskreise sind auch Brückenbauer zu Gott hin: Manch neuer Gruppenbesucher entdeckte erst mit der Zeit, welch neuen Dimensionen es für sein Lebens auch hier zu entdecken gibt.

Und Gott baut Brücken zu uns Menschen. Die Religionen versuchen Brücken zu Gott zu bauen und sagen dem Menschen, was er „tun“ muss, um die Götter gnädig zu stimmen. Der Gott der Bibel aber macht den ersten Schritt auf uns zu: Durch seinen Sohn Jesus Christus hat er selbst die Brücke für uns zu sich gebaut, denn er will, dass wir ein erfülltes Leben an seiner Hand finden und leben.

Wozu eigentlich Brücken?

Beim Brücken bauen geht es um die Überwindung von Flüssen, Meeresarmen und Tälern, von Straßen, Eisenbahntrassen und Feldwegen, von Gräben und Abgründen. Es sind zunächst Konstruktionen aus Stahl und Stahlbeton, Holzbrücken, Seilbrücken und Leitern. Wenn das Leben also gelingen soll, geht es um die Überbrückung von fernen, scheinbar unüberwindbaren Abständen – und wir brauchen eine Überbrückung zwischen Entfernten, Fremden und Entfremdeten.

Es braucht Schritte des einander Wahrnehmens, des Zuhörens und Ernstnehmens, damit erste Pfeiler für eine Brücke der Versöhnung gesetzt werden können. Wenn Vergangenes ausgesprochen und gegenseitig angenommen wird, wenn Gewesenes vergangen sein darf und nicht mehr aufgewärmt werden muss, dann öffnen sich neue Räume.

Wenn es gelingt, Brücken zwischen Menschen zu bauen, können Entfremdung, Missverständnisse und Misstrauen überwunden werden. Dann entstehen neue Wege des Kennenlernens, der Vergebung und des gemeinsamen Unterwegsseins. Dann wächst neues Vertrauen.

Wer Vergangenes hinter sich lassen und neue Ufer erreichen will, braucht Unterstützung durch erfahrene Brückenbauer, wie es die Mitarbeiter der Freundeskreise sind. Sie haben dieselben Wege hinter sich – ob als Suchtkranke oder Angehörige – und wissen, welche Konstruktionen alltagstauglich sind und welche bei der nächstbesten Belastung zusammenbrechen. Und manchmal muss eine Brücke zu alten Gewohnheiten und Freunden konsequent abgebrochen werden, damit das Neue eine Chance bekommt.

Es braucht Hilfe von außen, um sich dem Schaden an der eigenen Person sowie in Partnerschaft, Familie und am Arbeitsplatz stellen zu können. Es braucht Mut, vergangenes Scheitern beim Namen zu nennen und das Gespräch neu aufzunehmen. Aus Mut und angenommener Hilfe wächst dann die Kraft, alte Gräben der Verletzung, Sprachlosigkeit, Hilflosigkeit und Wut, die über die Jahre entstanden sind, zu überbrücken.

So merkwürdig es klingen mag: zu Beginn eines Reha-Prozesses gilt es zuerst, Brücken „zu sich selbst“ zu bauen, indem man sich mit der eigenen Lebensgeschichte mit ihren Prägungen, Stärken und Schwächen, Ängsten und Träumen, Haken und Ösen vertraut macht.

Wer noch auf alten, vertrauten Wegen unterwegs ist, die immer tiefer ins Verderben geführt haben, hat meist Angst vor diesen noch fremden Freundeskreisbrücken. Wer aber darüber gegangen und nicht mehr ins Alte zurückgekehrt ist, dankt Gott für eine zweite Chance zum Leben. Für viele Gruppenteilnehmer in den Freundeskreisen wurden diese neuen Brücken zur Lebensrettung.

Brücken müssen belastbar und flexibel sein, um ihren Zweck erfüllen zu können. Ihre Stabilität ist abhängig von einem guten Fundament und der richtigen Balance von Festigkeit und Beweglichkeit. Und sie müssen regelmäßig gewartet und instandgehalten werden – darin liegt die Aufgabe der Freundeskreise.

Das Brücken bauen war schon immer Vision und Auftrag der Freundeskreise, sozusagen Dauerauftrag: Freundeskreisler sind Brückenbauer und Netzwerker.